Archiv der Kategorie 'Frechheiten'

Rede und Antwort

Vielleicht kennen einige unserer Besucher_innen die Website abgeordnetenwatch.
Wikipedia sagt dazu:

„abgeordnetenwatch.de ist eine überparteiliche und institutionell unabhängige Internetplattform, die für Bürger die Möglichkeit eröffnet, deutsche Abgeordnete verschiedener Parlamente öffentlich zu befragen. Sie wurde ab dem 8. Dezember 2004 von der Gregor Hackmack & Boris Hekele GbR und später gemeinnützigen Parlamentwatch GmbH in Kooperation mit verschiedenen Partnern betrieben. Neben Fragen und Antworten sind berufliche Qualifikationen, Mitgliedschaft in Ausschüssen, anzeigepflichtige Nebentätigkeiten sowie das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten bei wichtigen Parlamentsentscheidungen öffentlich einsehbar.“

Aha! Warum das für dieses Blog hier spannend ist? Nun, eine der Fragen betrifft ganz konkret Simon Bromma. Gestellt wurde sie an Theresia Bauer, Landtagsabgeordnete der Grünen für den Wahlkreis Heidelberg. Die Antwort ist Gold wert!
Schon das erste ihrer drei „erreichten“ Teilziele:

Es konnte nachgewiesen werden, dass neben Simon Bromma keine weiteren Verdeckten Ermittler im Einsatz waren

Zum Schreien, oder? Naja, vielleicht auch eher zum Weinen…
Die komplette Frage plus Antwort könnt ihr gerne hier nachlesen. Ich bin mir sicher, die werte Frau Ministerin wäre auch übere weitere Fragen zu diesem Themenkomplex, eventuell sogar die ein oder andere Richtigstellung, sehr erfreut!
Hans-Ulrich Sckerl ist auf der Seite übrigens auch aufgeführt. Vielleicht freut er sich ja auch über Fragen… Wir werden die Antworten auf jeden Fall dokumentieren!

PM: Regierungspräsidium Karlsruhe bestätigt offiziell weitere Spitzel in Heidelberg

Seit den Rechercheergebnissen der Antifaschistischen Initiative Heidelberg (AIHD) vom Januar 2011 wissen wir von zwei weiteren verdeckten ErmittlerInnen der Polizei, die in Heidelberg eingesetzt waren oder sind.
Regierungs- oder Polizeikreise schwiegen bisher dazu: Ihre Existenz wurde bestritten oder es wurde, je nach politischer Windrichtung, auf das eine oder andere angespielt. In der nun eingetroffenen Klageerwiderung des Regierungspräsidiums Karlsruhe/Landespolizeidirektion wird nun von offizieller Seite aus bestätigt, dass es – abgesehen von Simon Bromma, der im Dezember 2010 enttarnt werden konnte – noch weitere verdeckte ErmittlerInnen in Heidelberg gegeben hatte, indem konsequent im Plural gesprochen wird:

„4. Aufgrund dieser Erkenntnisse kam es zu Anordnung von Verdeckten Ermittlern.“
(Fehler im Original)

Die „Erkenntnisse“, mit denen die Rechtsabteilung der Landespolizeidirektion die Einsätze zu rechtfertigen versucht, sind eine Farce:
Ein in Heidelberg zu beobachtender Anstieg „linksextremistisch motivierter Kriminalität“ [beim Bundeskriminalamt existiert eine Datei „Politisch motivierte Kriminalität links – Zentralstelle“ („PMK-links Z)“, auf die MitarbeiterInnen der Staatsschutzabteilungen der jeweiligen Kriminalpolizeien Zugriff haben] habe einen Einsatz notwendig gemacht. Tatsächlich gab es in Heidelberg im Jahr 2009 einen starken Anstieg dieser „Kriminalität“: Mehr als 100 StudentInnen, die im Zuge des bundesweiten Bildungsstreiks aus Frust über ihre prekäre Lage friedlich das Rektorat der Neuen Uni besetzt hielten. Die zu erwartende große Gewaltbereitschaft bei diesem Anstieg der „PMK-links“ begründet das Karlsruher Regierungspräsidium mit dem zufälligen Fund mehrerer „gebrauchsfertiger Mollis“ in einer Wohngemeinschaft 50 Kilometer von Heidelberg entfernt; zwei damalige WG-Bewohner sind mehr als ein Jahr nach diesem Zufallsfund wegen des niedrigschwelligen Delikts des „Besitzes von Waffen“ zu äußerst harmlosen Strafen verurteilt worden (das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig).

Außerdem ist die Landespolizeidirektion der Meinung, eine „eskalative Zuspitzung“ zwischen „rechts und links“ erwarten zu müssen. Als Begründung hierfür listet sie acht Demonstrationen auf, wovon sechs von Nazis angemeldet wurden. Skandalös ist die Erwähnung einer Gegendemonstration, an der Bromma selbst teilgenommen hat. Allen Ernstes versucht also das Regierungspräsidium, den Spitzeleinsatz u. a. mit einer Veranstaltung zu begründen, an der der Eingesetzte bereits aktiv teilnahm Schlussendlich macht die Landespolizeidirektion selbst keinen Hehl aus den fehlenden Legitimationsmitteln für den massiven Grundrechtsentzug:

„Die fortdauernde Gefahr ergab sich gerade auch aus einer defizitären Erkenntnislage.“

Würde diese Begründung rechtmäßig werden, dann müssten alle, die noch nicht zur gläsernen Bürgerin oder zum gläsernen Bürger geworden sind, damit rechnen, von verdeckten ErmittlerInnen überwacht zu werden. Nicht, weil sie eine Gefahr darstellen, sondern nur, weil die Polizei aus einem Generalverdacht heraus nicht weiß, ob sie eine Gefahr darstellen könnten.
In dubio contra reo.

Als wäre dies der traurigen Realsatire nicht schon genug, wird pauschal allen über hundert Betroffenen, in deren intimste Lebensbereiche Bromma – stets protokollierend – eingedrungen ist und die zufällig nicht eine der vier Ziel- und Kontaktpersonen sind, der Grundrechtseingriff nicht nur abgesprochen:

„Der Einsatz war nicht gegen ihn (den Kläger, Anm. AKS) gerichtet, er war nicht Adressat der Maßnahme“,

sondern sogar als ihr eigenes Verschulden pervertiert:

„Hier ist darauf hinzuweisen, dass es ausschließlich die Entscheidung des Klägers war und ist, mit welchen Personen er in Kontakt tritt.“

Die Polizei hat als Trägerin des Gewaltmonopols neben ihrem primären rechtsstaatlichen Legitimationskonstrukt, die Eigentumsverhältnisse und die körperliche Unversehrtheit der BürgerInnen der BRD zu schützen, auch noch die Aufgabe, Angriffe auf die Grundrechte, die Meinungsfreiheit und die Privatsphäre zu sanktionieren und diese bürgerlichen Errungenschaften nicht etwa als missliebige Hindernisse in ihrem Überwachungswahn zu sehen.

Wir fordern die Landesregierung auf, personelle Konsequenzen zu ziehen.

Wir verlangen eine vollständige und ungehinderte Aufklärung des Spitzeleinsatzes, den sofortigen Abzug weiterer Spitzel in Heidelberg und ein sofortiges Ende der Kriminalisierung linker Politik.

Bei weiteren Fragen oder Unklarheiten stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung:
Arbeitskreis Spitzelklage | ak-spitzelklage@riseup.net | http://spitzelklage.blogsport.de/

Heidelberg, den 05.03.2012

Kommentar zu Theresia Bauer

Theresia Bauer rechtfertigt Heidelberger Spitzeleinsatz mit NSU-Vergleich

Die Nichtaufklärungsstrategie der grün-roten Landesregierung im Fall des LKA-Spitzeleinsatzes nimmt immer groteskere Formen an. Hatten beide Fraktionen vor der Wahl die sofortige umfassende Offenlegung aller Aspekte des rechtswidrigen Polizei-Einsatzes gefordert, wurde der Kurs inzwischen um 180 Grad korrigiert. Beim hektischen Zurückrudern hinter diese ursprünglichen Forderungen hat die grüne Wissenschaftsministerin nun besonders hohe Wellen ausgelöst.
In einer öffentlichen Diskussion in Freiburg erklärte sie gegenüber VertreterInnen des Freiburger U-AStA, dass sie nicht grundsätzlich gegen Spitzeleinsätze sei, schließlich müsse gegen Strukturen wie die Nazitruppe NSU auch mit verdeckten Ermittlungen vorgegangen werden. Mit dieser Äußerung, die ihre Pressestelle auf eine Anfrage von Radio Dreyeckland hin schriftlich wiederholte, hat Theresia Bauer, die bei der Landtagswahl im März 2011 für Bündnis90/DieGrünen das Heidelberger Direktmandat geholt hatte, den ersten Preis im politischen Niveau-Limbo verdient.
Lassen wir uns den Vergleich auf der Zunge zergehen:
Auf der einen Seite die neunmonatige Bespitzelung linker Strukturen und studentischer Gruppen in Heidelberg durch den LKA-Beamten Simon Bromma, der Hunderte betroffene AktivistInnen bis in die intimsten Lebensbereiche hinein ausspähte und minutiös über ihre politischen und persönlichen Zusammenhänge berichtete; die Ergebnisse seines nur durch einen glücklichen Zufall beendeten Einsatzes gegen antifaschistische, antirassistische, bildungspolitische und Anti-AKW-Zusammenhänge waren „Erkenntnisse“, wer wann auf Demos mit wem geredet hat und wer welche Hobbys hat, aber keinerlei strafrechtlich relevante Details.
Auf der anderen Seite von Bauers Vergleich findet sich das von staatlichen Stellen, insbesondere in Form von V-Leuten des Verfassungsschutzes unterstützte und finanzierte Treiben der Nazitruppe NSU, die mindestens zehn Menschen ermordet hat und deren Taten von den staatlichen Behörden in gekonnten Ablenkungsmanövern den migrantischen Opfern und ihrem Umfeld in die Schuhe geschoben wurden.
Auch wenn ihre Pressestelle betont, „dass sie keinen direkten Vergleich zwischen dem Fall Simon Bromma und der Gruppierung NSU gezogen hat“, wiederholt sie dennoch, dass „sie den Einsatz verdeckter Ermittler in bestimmten Fällen für nötig hält“. Passend zu dieser neuen Sicht der Dinge wich Theresia Bauer auch der Frage der Studierendenvertretung nach Spitzeleinsätzen in anderen Universitätsstädten aus und äußerte sich explizit nicht zu weiteren aktuellen Einsatzorten von Verdeckten ErmittlerInnen in Baden-Württemberg.

Wie indes die alltägliche baden-württembergischen Repressionspraxis aussieht, durften wir am 01.02.2012 in Heidenheim an der Brenz erfahren, als zwei Staatsschutzbeamte der Kriminalpolizei dieses Ortes auf der schwäbischen Ostalb versuchten, eine Informationsveranstaltung des Arbeitskreises Spitzelklage offen zu bedrohen und das Publikum, unter dem sich auch der DKP-Stadtrat Reinhard Püschel eingefunden hatte, einzuschüchtern. Erst als die Besitzerin des Veranstaltungsortes, der Gaststätte „Grüner Kranz“, die Herren eindringlich des Raumes verwies, zogen sie von dannen.

Genaueres zu Theresia Bauers Statement auch hier bei Radio Dreyeckland